Sensationsträchtige Thesen zu Shakespeare

Veröffentlicht: 17. Oktober 2011 in Journalismus und Printmedien

Ich bin schwer beeindruckt, gelingt es 20min Online doch, uns jahrhundertealte Theorien als potentiell sensationsträchtig zu verkaufen, unglaublich frech, was Roland Emmerich da in seinem Film über Shakespeare wagt! Dass diese Thesen alles andere als neu und gewagt sind, lässt sich leicht den Erläuterungen auf http://de.wikipedia.org/wiki/Shakespeare-Urheberschaft entnehmen. Und wirklich obskur sind diese Thesen auch nicht – ich habe schon seinerzeit am Gymnasium im Englischunterricht davon gehört…

Ist an seinen Theorien gar etwas dran?

Wie gesagt, das sind nicht „seine“ Theorien, die existieren schon seit Jahrhunderten…

Und so wartet er gleich mit der sensationsträchtigen These auf, dass alle unter dem Namen William Shakespear erschienenen Werke nicht von Shakespeare selbst stammen, sondern von einer anderen Person.

Das ist eine altbekannte These… Nix von sensationsträchtig… Und es heisst „Shakespeare“, nicht „Shakespear“..

Im Alter von 46 Jahren setzte sich Shakespeare zur Ruhe und kehrte nach Stratford-upon-Avon zurück, wo er bis an sein Lebensende kein Gedicht, keine einzige Sonnette mehr schrieb.

Es heisst nicht „keine einzige Sonnette“, sondern „kein einziges Sonett“… Und ein Sonett ist übrigens auch ein Gedicht, bzw. eine spezielle Gedichtform…

Selbst wenn Shakespeare nie nach Italien reiste, sollte es dennoch möglich gewesen sein, akkurate Beschreibungen über die dortigen Sitten zu bekommen. Recherche nennt man das, Herr Emmerich.

Dass ausgerechnet 20min auf einmal glaubt zu wissen, was Recherche ist… (Kleiner zynischer Seitenhieb, den ich mir nicht verkneifen konnte, sorry…)

Die verstehen teilweise auch die Argumentation Emmerichs schon rein intellektuell nicht – oder scheinen sie zumindest nicht zu verstehen. Ein Argument lautet:

Merkwürdig nur, dass seine beiden Kinder Susanna und Judith weder lesen noch schreiben lernten.

Dies „entkräftet“ der 20min-Redaktor folgendermassen:

Unverständlich, dass Shakespeare seinen Töchtern das Lesen und Schreiben nicht beigebracht hat? Aus heutiger Sicht gewiss – im elizabethianischen England war das aber der Normalfall.

Schön, wenn das der Normalfall war… Aber die vom 20min-Redaktor nicht verstandene Überlegung ist ja, dass einem so bedeutenden Literaten wie Shakespeare nach allen Regeln der Vernunft doch wenigstens das Lesen und Schreiben so am Herzen gelegen haben müsste, dass er es seinen Kindern beigebracht hätte, gerade weil der Normalfall war, dass man es nicht beherrschte

Auch da, wo der 20min-Redaktor ironisch sein will, wird es unfreiwillig komisch:

«Nennt mich ruhig einen Romantiker, aber ich glaube, dass grosse Künstler von ihrem eigenen Leben inspiriert werden» – wie bei Roland Emmerich, der eine Alien-Invasion, eine Eiszeit und die Ankunft eines Riesen-Sauriers in New York am eigenen Leib erlebte, um sie danach kunstvoll auf Zelluloid zu bannen…

Ja, aber Emmerichs Monumentalfilme würde man wohl nicht als grosse Kunstwerke bezeichnen (im Gegensatz zu Shakespeares Werken), sondern schlicht als Unterhaltung, oder nicht?

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Kommentare
  1. iivel sagt:

    „Recherche nennt man das, Herr Emmerich.“ – und das von 20min… ROFL!

  2. monologe sagt:

    Ja, aber ist doch schön, dass man allen „Normalfall“ auch heute noch „am eigenen Leib“ erleben kann. In England einst das Analphabenentum mag noch harmlos gewesen sein gegen heute, wo einem alles durch und durch geht und gehen soll, besonders Ameigenleiberlebnisreich Emmerich.

  3. Wenn ich zwischen Emmerich und Shakespeare wählen muss, weiß ich, wen ich wähle. 😉

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