Eselsbrücken

Veröffentlicht: 11. Januar 2012 in Journalismus und Printmedien
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Also, wenn es um Promi-Klatsch und Sensationsnachrichten geht, ist der „Blick am Abend“ vielleicht schon die richtige Adresse, aber bei Wissensthemen definitiv nicht. So auch im heutigen „Blick am Abend“ zum Thema „Eselsbrücken“, vor allem wenn alles offensichtlich bei Wikipedia abgeschrieben ist. Die Erklärung der Wortgeschichte der „Eselsbrücke“ ist kompletter Mumpitz. Da ist die Phantasie mit den Wikipedia-Autoren durchgegangen. Aus dem Altertum kommt der Ausdruck schon gar nicht, sondern ist ein Ausdruck aus der scholastischen Philosophie des Mittelalters bzw. der frühen Neuzeit. Der Esel hat auch nichts mit einem wirklichen Esel zu tun, sondern ist schlicht Symbol für den trägen, einfältigen Schüler, der mit Hilfe der Eselsbrücke eine Lernschwierigkeit überwinden kann. (Duden Bd. 7 und Kudla: Lexikon der lateinischen Zitate; morgen schaue ich noch im Kluge nach…)

Dann gehen wir zu diesem Satz über:

Die Namen der fünf Gitarrenseiten – Ein Anfänger der Gitarre hat Eifer – sind noch heute fest im Hirn verankert.

Ich dachte, die Gitarre habe nur vier Seiten: oben, unten, hinten, vorne. (Es wären natürlich Gitarrensaiten. Und das sind auch nicht fünf, sondern wieviele Wörter sind denn im Spruch „Ein Anfänger der Gitarre hat Eifer“ enthalten? Na, wieviele?)

Und zum nächsten Satz:

Findige Lehrkräfte haben zudem erkannt, dass der SatzGeh du alter Esel hole Fische“ für die Reihenfolge der Dur-Tonleitern in die Irre führen könnte. Falsch wäre demnach, wenn aus dem Wort „Esel“ statt dem korrekten „E“ ein „Es“ herausgelesen würde.

Die Reihenfolge der Durtonleitern im Quintenzirkel (Reihe der Kreuztonarten) ist gemeint. Es ist allerdings höchst unwahrscheinlich, dass aus dem Wort „Esel“ ein „Es“ herausgelesen würde, weil „Esel“ eindeutig mit einem langen e gesprochen wird, der Ton „Es“ jedoch mit einem kurzen e. Zudem ist für jeden mit minimalem Sachverstand ohne weiteres klar, dass in der Reihe der Kreuztonarten nicht plötzlich ein Ton auftauchen kann, der schon im Namen ein B trägt (Es = Eb). Hingegen ist der „Blick am Abend“ selber an einer anderen Stelle reingefallen, denn aus den „Fischen“ ist nicht „F“, sondern natürlich „Fis“ herauszulesen, F gehört schliesslich in die Reihe der B-Tonarten und hat somit bei den Kreuztonarten nichts verloren…

Und was sind eigentlich Stalagtiten und Planten, wollte ich nebenbei noch fragen?

Alles in allem stellt sich schon die Frage, was das für ein Verständnis von Journalismus sein soll, wenn Leute, die offensichtlich keine Ahnung von der Materie haben, einfach irgendwas auf Basis von Wikipedia zurechtschustern für Leute, die ebenfalls keine Ahnung haben, dann aber (z. B. auf 20min-Online) wieder kommentieren dürfen, so dass plötzlich jeder 18-jährige Schnösel ein Experte für Waffenrecht, Suisa und Währungspolitik ist und beurteilen kann, ob nun Herr Hildebrand oder Herr Blocher oder alle beide gelogen haben. Quo vadis, Journalismus?

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Kommentare
  1. iivel sagt:

    Uiuiui… das wird ja immer schlimmer!

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