Ringelnatter im Swissminiatur

Veröffentlicht: 23. April 2012 in Journalismus und Printmedien
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Schon süss, wie der moderne Mensch sofort in wilde Panik gerät, kaum dringt ein weniger vertrautes Tier wie eine Schlange in seinen Lebensraum ein. Da genügen ein paar Schlangensichtungen im Swissminiatur, und schon kann „2omin“ titeln: Kinder in Angst: Schlangen-Invasion im Swissminiatur. Wenn das nicht lächerlich ist – im Tessin gab es schon immer Schlangen…

Und was haben wir in dem Artikel sonst so gefunden?

(Die Ringelnatter) unterzog dem Wagen einen Test und kroch schliesslich auf das neue Haus.

Es heisst „etwas einem Test unterziehen“, wir beherrschen die Kasus…

Laut dem Parktirektor kommen die ungefährlichen Schlangen aus dem See.

Aha, der „Tirektor“, das ist nicht schlecht.

Eine gut ein Meter lange Ringelnatter schlängelte in aller Ruhe um ein Modellhaus.

Zum Glück gibt es im Deutschen einen Akkusativ der zeitlichen und räumlichen Ausdehnung, und der Meter ist maskulin – daher ist die Ringelnatter einen Meter lang, nicht „ein Meter“.

Nicht nur in Melide tümmeln sich Kriechtiere.

Der Grosse Tümmler ist eine Delphinart. Das gesuchte Verb lautet nicht „sich tümmeln“, sondern „sich tummeln“ (ohne Umlaut).

Ungiftige Schlangen haben runde Augen. Die Vipern haben Schlitzaugen wie Katzen, sind Raubtiere und sind oftmals nur nachts anzutreffen.

Wer so einen hanebüchenen Unfug schreibt, hat noch nie eine solche Schlange gesehen oder kann sich nicht klar ausdrücken (bzw. sehr wahrscheinlich beides). An dieser Charakterisierung ist ALLES falsch. Erstens: Auch die in der Schweiz anzutreffenden zwei Giftschlangenarten haben vollkommen runde Augen – Katzen normalerweise übrigens auch. Was freilich schlitzförmig ist, sind die Pupillen. Und das ist mitnichten dasselbe.

Zweitens: die Aussage, dass die giftigen Vipern Raubtiere seien, ist zwar richtig, aber in diesem Zusammenhang vollkommen sinnfrei: alle anderen einheimischen Schlangenarten sind es ebenfalls, sogar die für den Menschen völlig harmlose Ringelnatter.

Drittens: jedes Kind weiss (falsch: ich müsste sagen „früher wusste jedes Kind“), dass Giftschlangen – wie wohl die meisten Schlangen – sich besonders gerne an der Sonne aufwärmen (es sind ja wechselwarme Tiere). Sogar Wikipedia schreibt denn auch völlig unmissverständlich, dass die Kreuzotter tagaktiv sei, die Aspisviper immerhin „teilweise auch nachtaktiv“, aber doch „überwiegend“ tagaktiv. Was ist also mit „oftmals nur nachts“? Völliger Quatsch.

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Kommentare
  1. Thomas sagt:

    Ich pflichte Ihnen bei. Dieser Artikel ist journalistischer Tiefflug – übrigens auch in fachlicher Hinsicht.

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