Primus, Edition 2012

Veröffentlicht: 10. November 2012 in Fremdwörtergebrauch allgemein, Journalismus und Printmedien
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Mir liegt die neuste Ausgabe des Magazins „Primus – Überleben mit der Matura“ vor. Wie schon in der letzten Ausgabe werden die verschiedenen Hochschulen in immer gleich strukturierten Porträts vorgestellt: angebotene Studiengänge und Infrastruktur an der Hochschule und dann natürlich die obligaten Freizeit- und Partyangebote in der betreffenden Stadt. Das ist ja so wichtig: so wird bei einer Universität gleich mal empfohlen, sich den Freitagvormittag unbedingt vorlesungsfrei zu halten, weil die wichtigsten Parties immer am Donnerstagabend steigen. Klar, als Student muss man eben Prioritäten setzen, das verstehe ich voll und ganz.

Der Hammer ist ein „Resumé“ eines Sportwissenschaftlers über sein Studium. In dem Bericht will er die wichtigsten Eindrücke und Erfahrungen aus seinem Studium darstellen. Praktisch die ganze erste Hälfte seines Textes widmet er dem asiatischen Restaurant auf dem Campus, dessen Takeaway er mit seinen Kollegen immer genutzt habe, bis sie einmal drinnen gegessen hätten und dann am Fenster einen Zettel gesehen hätten, auf dem stand, woher das Pouletfleisch stamme und wovon es Spuren enthalten könne. Ganz leicht irrelevant?! Der Rest des Textes handelt noch von diversen technischen Pannen und Unzulänglichkeiten im Vorlesungssaal, von einem Professor, der sein (eingeschaltetes) Mikrophon versehentlich aufs stille Örtchen mitgenommen habe. Ganz zum Schluss dann noch die lapidare Feststellung, dass er mit Freude gemerkt habe, dass er einige Inputs aus dem Studium direkt im Berufsalltag umsetzen könne (wahrscheinlich die Lehre, vor dem Gang auf den Lokus das Mikrophon abzulegen, oder dass man in asiatischen Restaurants kein Pouletfleisch essen solle). Im Ernst, muss jemand, der nach einem Studium keine relevanteren Resumés geben kann, wirklich ein Studium machen? (Na gut, zum Turnlehrer wird’s allemal noch reichen!) Oder anders gesagt, könnte man für ein solches Magazin nicht jemanden befragen, der auch etwas zu sagen hat?

Sehr gut auch die Studentin in „Deutscher Philologie und Englisch am (sic!) der Universität Basel“:

Die Universität Basel habe ich vor allem deshalb gewählt, weil man dort für mein Studium kein Lateinum braucht.

Das lässt tief blicken! Wie soll jemand, der „Latinum“ noch nicht mal richtig schreiben kann (als Studentin der Deutschen Philologie und Englisch!), auch den Wert des Lateins für sein Studium erkennen können? Das wäre wohl definitiv zu viel verlangt.

Eine Dame, die ein dreijähriges FH-Studium in Neuchâtel gemacht hat, spricht von „dem Place Pury, von dem aus man die Stadt schön erkunden kann“ und erwähnt „besondere Anlässe wie das Fête des Vendages“ (abgesehen vom Genus wäre es auch noch „Vendanges“). Das örtliche Fussballstadion nennt sie „Maladiére“ mit accent aigu. Brrrrrr!

Gleich daneben der Bericht eines Studenten der Wirtschaftswissenschaften:

Nach siebenjähriger Berufstätigkeit, die mich unteranderem nach London führte, (…)

Es war für mich im Vorhinein schon klar.

Der einzige Wehrmutstropfen war (…) das eher bescheidene Campusleben.

Brrrrr!

Und die Dame, die nach der Matura ein „Allroundpraktikum bei der UBS absolivert“ (sic!), schreibt:

Ich wollte mein Wissen, welches ich im Gymnasium erworbenen habe, (…) vertiefen.

Mit dem Diplom (…) stehen mir viele Türe offen.

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Kommentare
  1. Dirk sagt:

    Dazu fällt mir ein:
    Wie sagte einst Jürgen von der Lippe so schön (den man hoffentlich in der Schweiz auch kennt)?
    Was sind Ärzte? Ehemalige Medizinstudenten.
    So könnte man es übertragen auch sehen.

    Mal was ganz anderes: Schreibt man im Schweizerdeutsch Parties wie im Englischen oder wie im Deutschen Partys? (Das kann ja wieder gelöscht werden, mich interessiert es nur.)

  2. Michi sagt:

    Haarsträubend! Unsere Elite von morgen? Würde man diese nicht besser durch eine Castingshow erküren und auf den aufwändigen Ausbildungsfirlefanz verzichten?

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