Schaumschlägerei

Veröffentlicht: 24. Oktober 2013 in Fremdwörtergebrauch allgemein
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Natürlich kann man sich darüber streiten: Welchen Artikel muss man einsetzen bei fremdsprachigen Begriffen, die ins Deutsche übernommen werden? Vor allem bei Begriffen, die schon als feste Bestandteile des deutschen Fremdwortschatzes gelten, hat sich oft das „falsche“ Genus eingebürgert (frz. le garage > die Garage). Dies scheint mir ein normaler Prozess auf dem Weg vom nur vereinzelt gebrauchten Fremdwort bis zum verbreiteten Lehnwort zu sein; früher war es auch nicht anders, wenn man lat. tegula > der Ziegel anschaut.

Trotzdem ist es – wenigstens für mein Stilempfinden – sehr gewöhnungsbedürftig, wenn man Wörter, die nun wirklich direkt aus der fremden Sprache geschöpft werden, mit dem falschen Genus versieht, vor allem wenn man ihnen das richtige Genus anhand der Endung direkt ansieht.

Es gab diesbezüglich die interessante Diskussion auf wikipedia.de zum Artikel „Front national“. Und zwar ist es so, dass diese Partei im Französischen „le Front national“ heisst (weil frons im Lateinischen auch maskulin ist). Im Deutschen ist aus dem maskulinen frons zwar „die Front“ entstanden, aber dennoch ist meines Erachtens hier das originale französische Genus massgebend: Wenn ich in einem deutschen Text vom „Front national“ schreibe, meine ich ja aktuell nicht das deutsche Lehnwort, sondern den hic et nunc direkt aus dem Französischen entnommenen Parteinamen. Zudem tut es einem Menschen mit Sprachgefühl weh in den Augen, wenn man „die Front national“ schreibt. Immerhin haben wir hier noch explizit das Adjektiv in der maskulinen Form dabei, umso schräger steht jetzt der feminine Artikel in der Landschaft. Deshalb – so mein Stilempfinden – sollte man „der Front national“ schreiben.

Vollends absurd (und schlecht zu lesen) wird es dann, wenn man so etwas schreibt (aus dem „Züri-Tipp“):

Das sämige Kartoffelespuma dazu ein Traum.

Was für ein Puma? Im Ernst, dass espuma auf Spanisch „Schaum“ heisst, weiss nun bei uns wirklich nicht jeder. Und dann schreit einen ja diese -a-Endung förmlich an, dass sie gerne feminin sein möchte, also wäre es – wieder nach meinem persönlichen Stilempfinden – die Kartoffelespuma. Aber auch wenn es „gehobene“ Gastronomie ist, sollte man im Interesse der besseren Verständlichkeit und Lesbarkeit doch beim eher prosaischen Kartoffelschaum bleiben. (Zumal es sich bei dem betreffenden Etablissement noch nicht einmal um eines handelt, in dem explizit Spezialitäten aus der Sprachregion, wo man für Schaum espuma sagt, angeboten werden.) Die Kartoffelespuma (egal mit welchem Artikel) finde ich – mit Verlaub – affig.

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Kommentare
  1. Kartoffee sagt:

    Ich habe nicht länger darüber nachgedacht – generell bin ich über den/das Blog nur gestolpert, weil ich nach jemandem suche, der mir die Vermutung, die vornehmliche Benutzung von engl. closet als dt. Schrank geht auf die vormalige Ausgliederung des Aborts in diese Holzhäuschen zurück (was hier leider auch nicht geklärt wurde, obwohl es im entsprechenden Artikel durchaus gepasst hätte, um dem sardonischen Grinsen etwas Schärfe zu nehmen.) – aber behqupte dennoch frei von der Leber weg, dass die Front national nicht nur wegen der Front, sondern auch ihrer Funktion als Partei feminisiert wurde. Bei der Front national muss ich übrigens sofort an eine Schriftart denken.

  2. Das mit closet ist eine Überlegung wert. Bin der Sache rasch nachgegangen, obwohl ich nicht von Haus aus Anglist bin. Meiner Meinung nach stimmt die Überlegung nicht, weil die Bedeutung von closet als „Schrank“ schon um 1610 attestiert ist, die Verwendung für das „water closet“ jedoch erst um einiges später. Die Bedeutungsentwicklung ging also – wie meist – vom Allgemeinen zum Spezielleren und nicht umgekehrt. closet selbst ist im Englischen eine Entlehnung aus dem Französischen und meinte ursprünglich einen kleinen, abgetrennten Raum, dann eine Art Abstellkammer und schliesslich den Schrank. „water closet“ ist, wie gesagt, eine weitere Spezialisierung hiervon. Hoffe, ich konnte weiterhelfen.

  3. Hans Wurst sagt:

    Da ist aber jemand empfindlich, wenn es um Kritik am eigenen Gewurstel geht. Mein kritischer Kommentar von gestern hat offensichtlich einen wunden Punkt getroffen und wurde umgehend gelöscht. Wenn man sich mit einem Blog in die Allgemeinheit traut, der die sprachlichen Verfehlungen anderer zum Gegenstand hat, dann sollte man selbst auch einstecken können.

    Also nochmal: Die Gedanken zu dem (statt der) Front National finde ich einleuchtend. Wenn man sich allerdings so kritisch öffentlich mit Sprache auseinandersetzt, sollte die Anmerkung gestattet sein, dass „National“ in Front National groß geschrieben werden sollte. Zudem heißt es „heißt“ und nicht „heisst“. Im Übrigen sollte der Autor kritisch die Verwendung unnötiger Füllwörter in seinen Beiträgen hinterfragen (Beispiel: „wirklich“). Zudem finde ich die Floskel „mit Verlaub“ persönlich nicht weniger „affig“ als den/die Kartoffelespuma.

    • Wenn ich aufgrund der Wortwahl den Eindruck habe, dass jemand nur rumstänkern will, sehe ich im Allgemeinen keinen Zweck darin, Kommentare zu beantworten oder auch nur freizugeben. Da es Dir aber mit der Kritik an meinem „Gewurstel“ offenbar ernst ist, erkläre ich Dir gern wieder mal, dass für mich als Schweizer die Sache mit dem ß nicht gilt. Weiter schreibt selbst die NZZ, für die Schweiz wohl die Referenz in Sachen Rechtschreibung, den „Front national“ so. Auch die Schreibweise im Französischen scheint nicht ganz einheitlich zu sein. So findet sich im Web und auch bei zahlreichen Buchpublikationen auch die Schreibweise mit kleinem n. Im Französischen ist es allgemein üblich, bei mehrteiligen Bezeichnungen von Ämtern, Parteien und dergleichen nur das erste Wort gross zu schreiben. Somit entspräche eigentlich „Front national“ sogar eher dem französischen Usus. Zum nächsten Punkt, was als Füllwort zu gelten hat, wird letztlich Geschmackssache bleiben. Ich habe aber, wie Du sicher begreifen wirst, keine Lust, über einzelne Wörter von Beiträgen, die ich vor bald vier Jahren geschrieben habe, zu streiten. Und zum „mit Verlaub“ gebe ich zu bedenken, dass ich die Floskel augenzwinkernd gebraucht habe, während die betreffenden Gastronomen im vollen Ernst von der/dem Kartoffelespuma sprechen oder gesprochen haben.

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