Archiv für die Kategorie ‘Fremdwörtergebrauch allgemein’

Natürlich kann man sich darüber streiten: Welchen Artikel muss man einsetzen bei fremdsprachigen Begriffen, die ins Deutsche übernommen werden? Vor allem bei Begriffen, die schon als feste Bestandteile des deutschen Fremdwortschatzes gelten, hat sich oft das „falsche“ Genus eingebürgert (frz. le garage > die Garage). Dies scheint mir ein normaler Prozess auf dem Weg vom nur vereinzelt gebrauchten Fremdwort bis zum verbreiteten Lehnwort zu sein; früher war es auch nicht anders, wenn man lat. tegula > der Ziegel anschaut.

Trotzdem ist es – wenigstens für mein Stilempfinden – sehr gewöhnungsbedürftig, wenn man Wörter, die nun wirklich direkt aus der fremden Sprache geschöpft werden, mit dem falschen Genus versieht, vor allem wenn man ihnen das richtige Genus anhand der Endung direkt ansieht.

Es gab diesbezüglich die interessante Diskussion auf wikipedia.de zum Artikel „Front national“. Und zwar ist es so, dass diese Partei im Französischen „le Front national“ heisst (weil frons im Lateinischen auch maskulin ist). Im Deutschen ist aus dem maskulinen frons zwar „die Front“ entstanden, aber dennoch ist meines Erachtens hier das originale französische Genus massgebend: Wenn ich in einem deutschen Text vom „Front national“ schreibe, meine ich ja aktuell nicht das deutsche Lehnwort, sondern den hic et nunc direkt aus dem Französischen entnommenen Parteinamen. Zudem tut es einem Menschen mit Sprachgefühl weh in den Augen, wenn man „die Front national“ schreibt. Immerhin haben wir hier noch explizit das Adjektiv in der maskulinen Form dabei, umso schräger steht jetzt der feminine Artikel in der Landschaft. Deshalb – so mein Stilempfinden – sollte man „der Front national“ schreiben.

Vollends absurd (und schlecht zu lesen) wird es dann, wenn man so etwas schreibt (aus dem „Züri-Tipp“):

Das sämige Kartoffelespuma dazu ein Traum.

Was für ein Puma? Im Ernst, dass espuma auf Spanisch „Schaum“ heisst, weiss nun bei uns wirklich nicht jeder. Und dann schreit einen ja diese -a-Endung förmlich an, dass sie gerne feminin sein möchte, also wäre es – wieder nach meinem persönlichen Stilempfinden – die Kartoffelespuma. Aber auch wenn es „gehobene“ Gastronomie ist, sollte man im Interesse der besseren Verständlichkeit und Lesbarkeit doch beim eher prosaischen Kartoffelschaum bleiben. (Zumal es sich bei dem betreffenden Etablissement noch nicht einmal um eines handelt, in dem explizit Spezialitäten aus der Sprachregion, wo man für Schaum espuma sagt, angeboten werden.) Die Kartoffelespuma (egal mit welchem Artikel) finde ich – mit Verlaub – affig.

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Wieder einmal ein nicht sehr logischer Satz im „Blick“:

 Staatsrat Pierre Maudet (FDP) stösst derzeit mit einem Entscheid auf Granit: Er verordnete kürzlich der Genfer Polizei nach jahrelanger Absenz das Tragen eines Chäppi.

Wie bitte? Am 17.6.2012 wurde Pierre Maudet in den Staatsrat gewählt und nun kommt er plötzlich nach jahrelanger Absenz zurück und verordnet quasi als erste Amtshandlung gleich das Tragen eines Käppi?

Oder war die Genfer Polizei jahrelang abwesend? Das Problem: Im Deutschen kann man – anders im Französischen – den Begriff „Absenz“ normalerweise nur auf Personen beziehen, nicht auf das Fehlen von Sachen. Ich vermute daher, dass es ein Übersetzungsfehler ist.

Der Hammersatz aus einer Diskussion auf „20min Online“:

die qualität beim fleisch wenn es aus der region kommt hat immer qualität.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose? Und: merkt euch doch endlich mal, dass Qualität allein nichts bedeutet, es heisst einfach nur „Beschaffenheit“. Der obige Satz heisst also: „Die Beschaffenheit beim Fleisch, wenn es aus der Region kommt, hat immer Beschaffenheit.“ Merkt man, wie absurd das ist?

„Blick“ schreibt stark übertreibend von „totaler Verwirrung“ beim Kauf einer Fächerpalme der Art Trachycarpus fortunei, in der Schweiz auch als Tessinerpalme bekannt, bei Coop – und zwar, weil dieselbe Pflanze laut dem Warenetikett auf Deutsch „Tessinerpalme“, auf Französisch „palmier de Chine“ und auf Italienisch „palma del Giappone“ heisst. Totale Verwirrung: woher kommt nun die Pflanze wirklich? Leute: der Name einer Pflanze ist meistens nicht in allen Sprachen wörtlich übersetzt dasselbe (bei Tieren häufig auch nicht). Ausserdem sagt der Name nicht zwingend etwas über die Herkunft aus. Mit etwas seriöser Recherche müsste man nicht auf „totale Verwirrung“ machen.

1. Die normale deutsche Bezeichnung lautet „Chinesische Hanfpalme“. „Tessinerpalme“ sagen die Deutschschweizer nur, weil sie diese Pflanze im Tessin gesehen haben.

2. Der „palmier de Chine“ ist im Französischen letztlich nur eine von mehreren möglichen Bezeichnungen.

3. Auch im Italienischen gibt es mehrere Bezeichnungen, von denen „palma del Giappone“ nur eine ist. Sonst: „palma di Fortune“ (gross geschrieben, da sie nach dem Naturforscher Robert Fortune benannt ist), „palma di Chusan“ oder eben wieder „palma cinese“.

Schlussendlich ist es egal, welche von mehreren gleichwertigen Bezeichnungen man wählt: die lateinische Bezeichnung steht ja auch drauf und somit ist klar, dass es sich um ein und dieselbe Palmenart handelt. Genau dafür hat ja Linné dieses System ins Leben gerufen. Und was ist jetzt das Problem?

Im Schwedischen heisst Trachycarpus fortunei übrigens „Väderkvarnspalm“, also „Windmühlenpalme“. Soll ich jetzt deswegen einen auf totale Verwirrung machen, weil in der deutschen, französischen und italienischen Bezeichnung nirgends etwas von Windmühlen steht?

Eine geradezu geniale übersetzerische Fehlleistung bietet ein Rezensent von trespass.ch in seiner Besprechung der CD „Demons In The Closet“ der Band Adrenaline 101:

Normalerweise hört bei Metal-Bands der Spass bei der Fantasiewelt auf. Vielleicht ist es der Punk-Faktor, der die vier Zürcher von Adrenaline 101 zu einer gewissen Ironie bewogen hat. Denn die Geister befinden sich bei der Schweizer Band (…) auf der Toilette und die bildliche Vorstellung nötigt einen einfach zum Schmunzeln. Frei nach dem Motto: Wer noch nie drücken musste, werfe den ersten Stein!

Closet bedeutet, besonders im US-Englischen, nun mal nicht Toilette, sondern Schrank.

1. Gängig ist die Redensart skeleton in the closet, die ein peinliches Geheimnis bezeichnet, das man lieber unter Verschluss halten will – sicher nicht in der Toilette, sondern eben im Schrank. Auf Deutsch sagt man dazu: eine Leiche im Keller.

2. In etlichen Filmen kommt genau dieses Motiv vor, dass man sich vor irgendwelchen Monstern/Geistern fürchtet, die sich nicht etwa in der Toilette, sondern eben im Schrank verstecken. Dazu gibt es auch einen nicht ganz unbekannten Song von Metallica namens „Enter Sandman“, in dem ein Vers lautet: „Hush little baby, don’t say a word / And never mind that noise you heard / It’s just the beasts under your bed / In your closet, in your head“. Das sind ja böse Dinge, die sich im Kinderzimmer versteckt haben, vor denen sich das Kind beim Einschlafen fürchtet, also auch wieder nicht in der Toilette, sondern selbstverständlich im Schrank.

3. Ein closet alcoholic ist ein „versteckter Alkoholiker“, der seine Sucht nicht offen zeigt, sondern bildhaft „im Schrank versteckt“ trinkt, und nicht etwa in der Toilette!

intra mures

Veröffentlicht: 25. August 2013 in Fremdwörtergebrauch allgemein
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Auch in früheren Zeiten gab es schon amüsante Patzer in verschiedenen Publikationen. Im „Führer durch das Verkehrshaus Luzern“ aus dem Jahre 1979, S. 109, lese ich vom ersten Bahnhof der Schweiz in Basel:

So war er der erste internationale Bahnhof der Welt und zudem, als Bahnhof „intra mures“, mit einem Tor und einer demontierbaren Brücke über den Schanzengraben versehen.

Man will sagen, dass der Bahnhof sich innerhalb der Stadtmauern, also im befestigten Teil der Stadt, befindet, daher auch das Tor, das allnächtlich geschlossen wurde, damit nicht ein feindlicher Überfall per Eisenbahn stattfinden konnte (!) – das würde aber im Lateinischen intra muros heissen. Im Text steht intra mures, d. h.: „innerhalb der Mäuse“!

Auf einen häufigen Fehler ist auch der „Tages-Anzeiger“ wieder mal hereingefallen:

Eine 20er-Klasse sei nicht à priori zu gross.

A priori“ ist Latein, nicht Französisch, daher gehört der accent grave selbstverständlich weg.

Selbst in einem an sich ernsten Artikel (über zunehmenden Schlafmangel wegen Druck am Arbeitsplatz) will „20min“ noch witzig sein und „erfindet“ für dieses Phänomen die pseudo-wissenschaftliche Bezeichnung:

Insomniae lavorae

Naja. Wenn man schon witzig sein will, dann wenigstens gut, bitte.  Da sind die Zaubersprüche bei Harry Potter noch „besseres“ Latein. Und über die Endungen reden wir mal gar nicht erst… Ich befürchte aber, dass der „20min“-Redaktor seinen Einfall sogar für genial hielt.

PS. Noch während ich diesen Beitrag schrieb, hat „20min“ wahrscheinlich selber gemerkt, dass diese Schlagzeile nicht wirklich geht, und sie durch das nichtssagende „Mediziner besorgt“ (Mediziner sind grundsätzlich besorgt) ersetzt. Trotzdem: wenigstens irgendeine Kontrollinstanz scheint bei „20min“ doch gelegentlich mal etwas Vernunft zu zeigen.

„Blick“ berichtete über den Aushilfs-Mitarbeiter an der Uni Zürich, der Fotos von den sezierten Leichen im Anatomischen Institut auf Instagram gestellt hatte:

Anschliessend versah der Amerikaner sein Werk am Computer mit der Botschaft «Greetings from Universität Zürich Irchel». Und: «Let’€™s all give a hand to the hard working lab stiffs at the Uni!» (Sinngemäss: Lasst uns in die Hände klatschen hart arbeitenden Laboranten der Uni).

Diese „sinngemässe“ Übersetzung ist natürlich schon mal ein wahnsinnig korrekter deutscher Satz. Das Beste jedoch ist, dass der „Blick“-Übersetzer das durchaus witzige Wortspiel des Amerikaners überhaupt nicht kapiert hat: Wenn er lab staff geschrieben hätte, dann wäre das Laborpersonal oder eben die Laboranten gemeint gewesen. Er hat aber lab stiffs geschrieben, und stiff ist eine Slangbezeichnung für eine Leiche! In diesem Sinne: „Einen kräftigen Applaus für die schwer arbeitenden Laborleichen an der Uni!“ Der Phraseologismus to give a hand ist übrigens auch nicht zufällig gewählt worden, sondern nimmt Bezug darauf, dass auf dem fraglichen Bild die junge Laborantin den Arm (und Hand) einer Leiche wie zum Gruss in die Höhe streckt. Das ist wirklich gar nicht mal so dumm gemacht, aber natürlich pietätlos – darüber müssen wir nicht diskutieren.

Die „Aargauer Zeitung“ hat interessanterweise die zweite idiomatische Bedeutung von to give a hand gewählt:

Gehen wir den hart arbeitenden Laboranten der Uni doch zur Hand.

Obwohl auch dies grundsätzlich nicht unmöglich ist, glaube ich, dass man den englischen Text, zumal in dieser Formulierung/Satzstellung, doch eher im Sinne des Applaudierens verstehen sollte. Aber die Sache mit den lab stiffs ist der „Aargauer Zeitung“ ebenfalls entgangen.

„Focus“ hat in seinem Bericht ebenfalls die Bedeutung des Applaudierens verstanden, nicht aber die lab stiffs.

Vorbildlich hingegen der „Tages-Anzeiger“, dort werden korrekt die „Laborleichen“ genannt und sogar mit Anführungs- und Schlusszeichen versehen, um zum Ausdruck zu bringen, dass es sich um ein scherzhaftes Wortspiel handelt.

Die „Obersee Nachrichten“ vom 18.7.2013 berichten über den neusten Besitzerwechsel des Rapperswiler Restaurants Falkenburg:

Danach moutierte es zur Gourmetbeiz.

Heisst „moutieren“ von und nach Moutier umziehen? Oder ist es ein Gastro-Fachbegriff für „mit Senf bestreichen“ (fr. moutarde)? Nein, das ist natürlich alles Quatsch.

Der neue Name des Restaurants ist aber besonders interessant:

Ab Ende September heisst das Lokal „sanus viventium“, was übersetzt gesundes Leben bedeutet.

In welcher Sprache bitteschön soll das „gesundes Leben“ bedeuten? In Latein auf jeden Fall nicht, denn da passt gar nichts zusammen. viventium ist der Genitiv Plural des Partizips Präsens Aktiv von vivere – das heisst zwar tatsächlich „leben“, aber diese Form ergibt beim besten Willen keinen Sinn, zumal sanus in der maskulinen Form gebraucht ist und dadurch auch noch hilflos in der Luft hängt. Eine plumpe Behelfsübersetzung des Restaurantnamens lautet: „Der Gesunde der Lebenden“. Klingt absurd? Genau.

Wie kommen die Restaurantbetreiber auf eine so absurde lateinische Formulierung für „gesundes Leben“? Wir haben recherchiert: Google findet ein Restaurant gleichen Namens in Peru; es gibt einen Personal-Trainer-Service namens Sanus Viventium Hidalgo, und schliesslich hat ein gewisser Christopher A. B. Etiko eine Website mit Ernährungsinformationen namens „sanuvi“ entwickelt, das sich von „sanus viventium“ herleitet, was gemäss diesem Herrn Etiko „gesund leben“ heisst. Nur wer mit diesem „sanus viventium“-Quatsch angefangen hat, ist mir nicht ganz klar…