Archiv für die Kategorie ‘Journalismus und Printmedien’

Freelands

Veröffentlicht: 4. September 2014 in Journalismus und Printmedien

In der neuesten Strassenumfrage der „Obersee Nachrichten“ wird auch eine C. D., Freelands aus Reichenburg, befragt.

Was zum Henker soll „Freelands“ sein? (Zu jeder befragten Person war Beruf und Wohnort beigefügt.) Nach kurzem Nachdenken komme ich darauf, dass wahrscheinlich Freelancer gemeint war – ganz abgesehen davon, dass das ohnehin kein eigentlicher Beruf ist, sondern lediglich eine Bezeichnung für jemanden, der sich nicht richtig entscheiden konnte, ob er nun selbständig oder angestellt sein will…

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Aus den USA nach New York

Veröffentlicht: 20. März 2014 in Journalismus und Printmedien

„Blick“ berichtet über Mick Jaggers Reaktion auf den Suizid seiner Freundin:

L’Wren Scotts langjähriger Partner Mick Jagger (70) ist umgehend aus den USA nach New York gereist.

Und in welchem Land liegt New York schon wieder? (Korrekt wäre gewesen: „ist umgehend aus Australien nach New York gereist“)

Und dann noch dies:

Im gehts nicht richtig gut.

Vanuatu

Veröffentlicht: 30. November 2013 in Journalismus und Printmedien
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„Blick“ erfindet einmal mehr die Geographie neu:

Er erkaufte sich den Titel des Kultur-Botschafters vom afrikanischen Staat Vanuatu.

Ich wusste gar nicht, dass sich Afrika neuerdings bis nach Melanesien, nordöstlich von Australien, erstreckt. Aber ich lerne gern dazu.

Es ist doch verflixt nochmals immer dasselbe: Im „Tages-Anzeiger“ wird irgendeine Fragestellung zur deutschen Sprache, die wirklich interessant wäre, nur mit einem ironisch-witzig gemeinten Kommentar in den Raum gestellt, wirklich den Dingen auf den Grund gegangen wird nie. Nie gibt es Antworten auf diese Fragen. Dabei wäre es so einfach – und interessant -, im Duden Bd. 7 oder im Kluge nachzuschlagen:

Wieso etwa heisst die Brille anders als im Sankt-Gallischen im Zürcher Dialekt „Brülle“? Man kann ihr so sagen, sicher, die Freiheit haben die Zürcher. Es erstaunt trotzdem, weil sie doch die Grille nicht „Grülle“ und die Rille nicht „Rülle“ nennen und umgekehrt die Gülle auf Hochdeutsch nicht zur Gille wird.

Es erstaunt eben gerade nicht – wenn man sich mit diesen Wörtern einmal ein wenig befasst, ist sonnenklar, warum das so ist. Sie sind nämlich von ihrer Lautgeschichte her alle überhaupt nicht miteinander vergleichbar:

1. Die „Brille“ ist abgeleitet von griech.-lat. beryllus, weil die früheren Sehhilfen aus diesen Halbedelsteinen geschliffen waren. Das zürcherische ü setzt hier das griechische Ypsilon fort. Ab dem Mittelhochdeutschen gab es jedoch offenbar eine Hebung von y zu i.

2. Die „Grille“ ist zwar ebenfalls ein griech.-lat. Lehnwort (!), lautete aber bereits im Lateinischen grillus, es gibt also keinen Grund, hier eine Aussprache mit ü zu erwarten.

3. Die „Rille“ ist ein norddeutsches Wort, das im Hochdeutschen erst 1743 erstmals bezeugt ist. Auch im Zürcher Dialekt ist es demzufolge ein sehr junges Wort und daher von seiner Lautentwicklung gar nicht mit den anderen beiden Wörtern zu vergleichen.

4. Schliesslich die „Gülle“: Die wird auf Hochdeutsch nicht zur „Gille“, weil sie zwar im Mittelhochdeutschen als „gülle“ belegt ist, seither aber im Hochdeutschen nicht lebendig geblieben ist, dafür aber ein typisch alemannisches Wort geworden ist. Auf Hochdeutsch heisst es schliesslich üblicherweise „Jauche“. Aber: Wenn die „gülle“ im Hochdeutschen lebendig geblieben wäre, würde sie dort heute wohl tatsächlich „Gille“ lauten.

Fazit: Bitte, bitte, lieber „Tages-Anzeiger“, nur miteinander vergleichen, was auch wirklich vergleichbar ist, und den Dingen doch ein bisschen auf den Grund gehen!

Zwei interessante Fehler aus dem „Tages-Anzeiger“ von gestern:

Schliesslich hat er gerade aus seiner nicht Klassifizierbarkeit ein Geschäftsmodell gemacht.

Die „nicht Klassifizierbarkeit“? Im Deutschen gibt es so etwas wie Komposition, und auch Wörter wie „nicht“ oder „nichts“ können dabei zu einem Wortbestandteil gemacht werden. Nur ist dieser Zusammenhang anscheinend der Journalistin fremd. Schreibt sie auch „nicht Raucher“, „nicht Schwimmer“ oder „nichts Nutz“? Oder ist das wieder mal von der deutschen Rechtschreibreform ausgelöste Verwirrung?

Sehr spannend auch (von derselben Journalistin!):

Statt die immer gleichen alten Gamellen aufzufahren, hätte man sich in Leutschenbach getrost einmal fragen können, was denn die Schweizer Frauen im Verlauf der Jahrhunderte so getrieben haben.

Eine Gamelle ist ein Koch- und Essgeschirr in der Schweizer Armee. Gemeint sind hier aber „alte/olle Kamellen“. Dieser Ausdruck ist auch interessant, da „Kamelle“ eigentlich für „Kamille“, also die Heilpflanze, steht. „Alte Kamellen“ sind also Kamillenblätter, die ihre Frische und damit auch ihre Wirksamkeit verloren haben und deshalb nicht mehr verwendet werden sollen.

Da ist man also zur Journalistin des Jahres 2010 ernannt worden, schreibt gut und viel, glaubt durchaus, etwas zu sagen zu haben – und beherrscht das elementare Arbeitswerkzeug, nämlich die Sprache, nicht. (Ich erinnere in diesem Zusammenhang an Peter Schneiders Artikel in demselben Blatt zum Thema, woran man Qualitätsjournalismus erkennt. Warum der Tagi selber Schneiders Tipps nicht beherzigen will, frage ich mich schon seit Jahren.)

Wieder einmal ein nicht sehr logischer Satz im „Blick“:

 Staatsrat Pierre Maudet (FDP) stösst derzeit mit einem Entscheid auf Granit: Er verordnete kürzlich der Genfer Polizei nach jahrelanger Absenz das Tragen eines Chäppi.

Wie bitte? Am 17.6.2012 wurde Pierre Maudet in den Staatsrat gewählt und nun kommt er plötzlich nach jahrelanger Absenz zurück und verordnet quasi als erste Amtshandlung gleich das Tragen eines Käppi?

Oder war die Genfer Polizei jahrelang abwesend? Das Problem: Im Deutschen kann man – anders im Französischen – den Begriff „Absenz“ normalerweise nur auf Personen beziehen, nicht auf das Fehlen von Sachen. Ich vermute daher, dass es ein Übersetzungsfehler ist.

Der Hammersatz aus einer Diskussion auf „20min Online“:

die qualität beim fleisch wenn es aus der region kommt hat immer qualität.

Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose? Und: merkt euch doch endlich mal, dass Qualität allein nichts bedeutet, es heisst einfach nur „Beschaffenheit“. Der obige Satz heisst also: „Die Beschaffenheit beim Fleisch, wenn es aus der Region kommt, hat immer Beschaffenheit.“ Merkt man, wie absurd das ist?

„Blick“ schreibt stark übertreibend von „totaler Verwirrung“ beim Kauf einer Fächerpalme der Art Trachycarpus fortunei, in der Schweiz auch als Tessinerpalme bekannt, bei Coop – und zwar, weil dieselbe Pflanze laut dem Warenetikett auf Deutsch „Tessinerpalme“, auf Französisch „palmier de Chine“ und auf Italienisch „palma del Giappone“ heisst. Totale Verwirrung: woher kommt nun die Pflanze wirklich? Leute: der Name einer Pflanze ist meistens nicht in allen Sprachen wörtlich übersetzt dasselbe (bei Tieren häufig auch nicht). Ausserdem sagt der Name nicht zwingend etwas über die Herkunft aus. Mit etwas seriöser Recherche müsste man nicht auf „totale Verwirrung“ machen.

1. Die normale deutsche Bezeichnung lautet „Chinesische Hanfpalme“. „Tessinerpalme“ sagen die Deutschschweizer nur, weil sie diese Pflanze im Tessin gesehen haben.

2. Der „palmier de Chine“ ist im Französischen letztlich nur eine von mehreren möglichen Bezeichnungen.

3. Auch im Italienischen gibt es mehrere Bezeichnungen, von denen „palma del Giappone“ nur eine ist. Sonst: „palma di Fortune“ (gross geschrieben, da sie nach dem Naturforscher Robert Fortune benannt ist), „palma di Chusan“ oder eben wieder „palma cinese“.

Schlussendlich ist es egal, welche von mehreren gleichwertigen Bezeichnungen man wählt: die lateinische Bezeichnung steht ja auch drauf und somit ist klar, dass es sich um ein und dieselbe Palmenart handelt. Genau dafür hat ja Linné dieses System ins Leben gerufen. Und was ist jetzt das Problem?

Im Schwedischen heisst Trachycarpus fortunei übrigens „Väderkvarnspalm“, also „Windmühlenpalme“. Soll ich jetzt deswegen einen auf totale Verwirrung machen, weil in der deutschen, französischen und italienischen Bezeichnung nirgends etwas von Windmühlen steht?

Eine geradezu geniale übersetzerische Fehlleistung bietet ein Rezensent von trespass.ch in seiner Besprechung der CD „Demons In The Closet“ der Band Adrenaline 101:

Normalerweise hört bei Metal-Bands der Spass bei der Fantasiewelt auf. Vielleicht ist es der Punk-Faktor, der die vier Zürcher von Adrenaline 101 zu einer gewissen Ironie bewogen hat. Denn die Geister befinden sich bei der Schweizer Band (…) auf der Toilette und die bildliche Vorstellung nötigt einen einfach zum Schmunzeln. Frei nach dem Motto: Wer noch nie drücken musste, werfe den ersten Stein!

Closet bedeutet, besonders im US-Englischen, nun mal nicht Toilette, sondern Schrank.

1. Gängig ist die Redensart skeleton in the closet, die ein peinliches Geheimnis bezeichnet, das man lieber unter Verschluss halten will – sicher nicht in der Toilette, sondern eben im Schrank. Auf Deutsch sagt man dazu: eine Leiche im Keller.

2. In etlichen Filmen kommt genau dieses Motiv vor, dass man sich vor irgendwelchen Monstern/Geistern fürchtet, die sich nicht etwa in der Toilette, sondern eben im Schrank verstecken. Dazu gibt es auch einen nicht ganz unbekannten Song von Metallica namens „Enter Sandman“, in dem ein Vers lautet: „Hush little baby, don’t say a word / And never mind that noise you heard / It’s just the beasts under your bed / In your closet, in your head“. Das sind ja böse Dinge, die sich im Kinderzimmer versteckt haben, vor denen sich das Kind beim Einschlafen fürchtet, also auch wieder nicht in der Toilette, sondern selbstverständlich im Schrank.

3. Ein closet alcoholic ist ein „versteckter Alkoholiker“, der seine Sucht nicht offen zeigt, sondern bildhaft „im Schrank versteckt“ trinkt, und nicht etwa in der Toilette!

Leiden

Veröffentlicht: 26. August 2013 in Journalismus und Printmedien
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Es ist schon erstaunlich, woran man heute so leiden kann. „Blick“ schreibt:

FDP-Chef Müller leidet an Segelschiff-Unfall.

Es ist ja wirklich nicht ganz einfach, den richtigen Gebrauch von „leiden“ zu definieren. Mit einem einigermassen ausgeprägten stilistischen Sensorium bemerkt man die falsche Verwendung aber sofort. Üblicherweise bezeichnet „leiden an etw.“ eine Krankheit, von der jemand betroffen ist. „Leiden unter etw.“ wird hingegen verwendet, um zum Ausdruck zu bringen, dass etwas jemandem Mühe bereitet.

Wer an Akne leidet, kann, muss aber nicht darunter leiden.

Unter Mobbing kann man leiden, an Mobbing jedoch nicht.

Ja, und was hätte nun der „Blick“ richtigerweise schreiben sollen? Ich würde meinen: „FDP-Chef Müller leidet nach Segelschiff-Unfall.“ (Der Unfall geschah bereits 2006, es handelt sich um Spätfolgen dieses Unfalls.)